22.04.2013
Die Hydra schl√§gt zur√ľck
Glaubt wirklich jemand ernsthaft, die Hydra w√ľrde freiwillig Herkules jeden ihrer K√∂pfe zum Abschlagen hinhalten?
Autor: Prof. Antal E. Fekete

Ich habe mich noch nie auf die sogenannten Verschw√∂rungstheorien gest√ľtzt beim Versuch, die seltsamen Preisschwankungen der monet√§ren Metalle zu erkl√§ren. Aber ich habe auch nie behauptet, die Fiatgeld-Hydra w√ľrde freiwillig Herkules jeden ihrer K√∂pfe zum Abschlagen hinhalten!

Die Märkte der monetären Metalle unter dem Fiatgeld-Standard

Betrachten wir die wesentlichen Fakten:

(1) Die US-Regierung weigerte sich am 15. August 1971, ihrer Verpflichtung nachzukommen, ihre kurzfristigen Dollarschulden bei ausl√§ndischen Regierungen und Zentralbanken zu einem festen Preis in Gold zu begleichen, was durch internationale Vertr√§ge und durch feierliche Versprechen von mehreren amtierenden Pr√§sidenten garantiert worden war. Anschliessend wurde im Bem√ľhen, diesen betr√ľgerischen Bankrott zu vertuschen (betr√ľgerisch, weil die USA das Gold besassen und ihren internationalen Verpflichtungen h√§tten nachkommen k√∂nnen), von einen Chor unterw√ľrfiger akademischer Claqueure und Speichelleckern von allen D√§chern gepfiffen, der Goldstandard sei ein barbarisches Relikt und man solle froh sein, ihn endlich losgeworden zu sein.

(2) Dadurch beschlagnahmten die USA faktisch einige Goldbest√§nde ausl√§ndischer Institutionen, aber bei weitem nicht alle. Die Fakult√§ten f√ľr Wirtschaftswissenschaften und die Forschungseinrichtungen der Universit√§ten vers√§umten es danach, zu untersuchen, was mit dem Gold auf lange Sicht geschehen w√ľrde. Sie nahmen an, bis in alle Ewigkeit ohne Gold wirtschaften zu k√∂nnen, aber damit waren sie auf dem Holzweg. Bald begann der spekulative Handel mit Goldfutures, zuerst in Kanada, dann 1975 auch in den USA. Keine der Universit√§ten und Ideenfabriken interessierte sich f√ľr den Handel mit Goldfutures und dessen langfristige Folgen. Gold wurde auf den Status von gefrorenen Schweineb√§uchen reduziert. Wir wissen alle, wie der Handel mit gefrorenen Schweineb√§uchen funktioniert, nicht wahr? Durch das Spiel von Angebot und Nachfrage‚Ķund wenn es darauf ankommt, ist es nat√ľrlich viel einfacher, das Angebot von Papiergold zu erh√∂hen als das von gefrorenen Schweineb√§uchen (Mit den geb√ľhrenden Entschuldigungen an den verstorbenen Fritz Machlup der Princeton University f√ľr diese Deutung seiner Theorie des Handels mit Goldfutures). Lassen wir jedoch die Frage beiseite, ob unsere Institutionen die Probleme des Futures-Handels der monet√§ren Metalle willentlich ignorierten, oder ob sie unter Zwang handelten. Wie sich nach Jahren herausstellte, hat das Vers√§umnis, die Folgen der sogenannten Demonetisierung von Gold (ein Euphemismus f√ľr Wegelagerei) zu untersuchen, eine beispiellose Katastrophe verursacht: den Zerfall der weltweiten Zahlungssystems, der sich nun sichtbar vor unseren Augen vollzieht.

(3) Eine wissenschaftliche Untersuchung, die in den 1970er Jahren durchgef√ľhrt wurde zeigte, dass die Goldbasis (definiert als der Unterschied (Spread) zwischen dem Preis f√ľr den zeitlich nahesten Futures-Kontrakt f√ľr Gold und dem Preis f√ľr die sofortige Lieferung von physischem Gold) gross sein w√ľrde, in der Tat, sie war die gr√∂sstm√∂gliche, d.h. gleich hoch wie die Lagerkosten oder Opportunit√§tskosten f√ľr das Halten von Gold. Bald darauf begann jedoch die Schrumpfung dieses Spreads bis hin zu Null und sogar darunter. Eine negative Goldbasis, d.h., ein Zustand, der als Backwardation von Gold bekannt ist, w√ľrde im internationalen Finanzwesen eine h√∂chst instabile Situation erzeugen, weil er bedeutet, dass die Halter von Gold risikolose Gewinne machen k√∂nnten. Sachkundige Marktteilnehmer wissen, dass eine fortschreitende Schrumpfung der Basis eine zunehmende Angebotsverknappung bedeutet, welche im Fall von Gold nicht einfach durch eine erh√∂hte Produktion aus Goldminen gedeckt werden kann. Diese Produktion kann auch nicht die Goldhortung in grossem Masse ausgleichen, welche angesichts einer bleibenden Backwardation von Gold erst allm√§hlich und zum Schluss mit zunehmender Geschwindigkeit zunimmt. An einem gewissen Punkt wird dann alles lieferbare physische Gold sofort gehortet und der Markt trocknet total aus. Bei den monet√§ren Metallen wird, im Gegensatz zu allen anderen Rohstoffen, bei hohen und steigenden Preisen das Angebot nicht gr√∂sser; es schrumpft vielmehr, denn monet√§re Metalle gehorchen nicht dem bekannten Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Bei einer bleibenden Backwardation wird kein Gold mehr zu irgendeinem Preis zum Verkauf angeboten und der Begriff Goldpreis w√ľrde inhaltslos. Gold, Silber, und bald auch alle anderen marktf√§higen G√ľter w√ľrden dann nur durch Tausch den Besitzer wechseln. Mit anderen Worten, das Papiergeld, wie wir es kennen, w√ľrde einfach nicht mehr akzeptiert. Wie soll unsere heutige komplexe Weltwirtschaft unter solchen Umst√§nden noch funktionieren? Niemand weiss es. Es ist jedoch sicher, dass sie in einer Weise schrumpfen w√ľrde, welche die Depression der 1930er Jahre wie ein Pixel auf einem Bildschirm aussehen lassen w√ľrde.

(4) Alle Blasen, W√§hrungs- und Finanzkrisen der letzten 40 Jahre sind die direkte oder indirekte Folge der erodierenden Goldbasis ‚Äď ob wir es nun eingestehen oder nicht. Vor einigen Jahren lud mich Professor Robert Mundell von der Columbia University ein, sein j√§hrliches Seminar in Santa Colomba zu besuchen, das auch die meisten der f√ľhrenden Geldwissenschaftler versammelt. Ich liess dort ein Memo zirkulieren und warnte vor der Gefahr einer bleibenden Backwardation beim Gold und dass sie sich negativ auf die Weltwirtschaft auswirken w√ľrde.
Ich legte dar, dass eine bleibende Backwardation von Gold eine Zeitenwende bedeuten w√ľrde. Solange die Goldfutures-M√§rkte offen sind, k√∂nnen US-Staatsanleihen noch immer in Gold konvertiert werden, wenn auch zu einem volatilen, verschwindend kleinen Preis. Sobald jedoch der Goldfutures-Handel nach der bleibenden Backwardation von Gold ausgesetzt wird, kann Gold nicht mehr gegen US-Staatsanleihen getauscht werden. Die gesamten ausstehenden Schulden der USA w√ľrden dann keine Unze Gold mehr wert sein; nicht einmal ein Gramm. Es ist unvern√ľnftig zu behaupten, dass dies f√ľr den Welthandel keinen Unterschied mache, wie es von der offiziellen Doktrin behauptet wird, denn dieses Ereignis w√ľrde den Niedergang der Geldwirtschaft und die R√ľckkehr zur Naturaltauschwirtschaft bedeuten.
Mein Memo rief keine einzige Reaktion hervor; es wurde einfach ignoriert. Trotzdem habe ich Grund zur Annahme, dass die Verantwortlichen im US-Finanzministerium und der Federal Reserve aufhorchten und einen Intensivkurs √ľber das Problem der erodierenden Goldbasis und der Bedrohung durch die bleibende Backwardation von Gold besuchten.

(5) Fazit: 1971, als die Welt aus dem Goldstandard gedrängt wurde, schuf die US-Regierung eine vielköpfige Hydra. Das Problem wurde jedoch vertuscht und verstärkt durch die Nachrichtensperre, welche jeglicher Untersuchung der Goldbasis einen Knebel anlegte.

Gold ist nicht dasselbe wie gefrorene Schweinebäuche…

Nachdem die Goldfutures-M√§rkte schon w√§hrend einem Jahr mit der Backwardation geflirtet hatten, wurde die B√ľrokratie durch die zu sp√§t gekommene Erkenntnis des Problems zum Handeln gezwungen. Sie tat es auf ihre typische Weise ‚Äď planlos. Vor einigen Tagen, am 12. und 14. April 2013, wurde der Papiergoldmarkt von einer furiosen Attacke auf den Goldpreis in Panik versetzt. Dies ist an und f√ľr sich schon der Beweis daf√ľr, dass Bernanke die bleibende Backwardation in Gold f√ľrchtet und weiss, dass sie eine chaotische Situation schaffen wird und dass er sie unter allen Umst√§nden verhindern will.
Nun ja… Gold ist doch nicht dasselbe wie gefrorene Schweinebäuche! Die Hydra jedoch wird nicht kampflos aufgeben und man legte schlussendlich die Samthandschuhe beiseite.
Bernanke will die bleibende Backwardation von Gold durch den Verkauf einer unbegrenzten Anzahl von Goldfutures-Kontrakten via seine Handlanger, die Bullionbanken, abwenden. Er nimmt jedoch dabei in Kauf, dass seine Verb√ľndeten enorme Verluste einfahren, die sie irgendwann realisieren m√ľssen, denn es ist klar, dass die Papiergoldverk√§ufer das physische Gold nicht besitzen, welches sie verkaufen. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass fr√ľher oder sp√§ter die physische Lieferung von Gold unter der Begr√ľndung von h√∂herer Gewalt ausgesetzt werden wird. Die Positionen der Leerverk√§ufer werden dank der immensen Papiergeldsch√∂pfung der Fed beglichen, aber dadurch wird auch der Handel mit Goldfutures bald der Vergangenheit angeh√∂ren.
Bernanke und der Kolumnist Paul Krugman, sein unterw√ľrfiger Kumpel in Princeton, verstehen nicht, dass das Problem nicht der Goldpreis ist, sondern die Backwardation oder der Contango. Beim Versuch, den Goldpreis zum Fallen zu bringen, macht die Fed den letzten Contango in Washington bald zur vollendeten Tatsache.

Vom Regen in die Traufe

Angeblich w√ľrde ein niedrigerer Goldpreis Bernakes Problem l√∂sen. Die demoralisierten Goldanh√§nger w√ľrden gezwungen, ihre Goldbest√§nde durch Nachschuss-Aufforderungen zu ver√§ussern. Entt√§uschte Investoren w√ľrden ihre Goldbest√§nde abstossen und dies w√ľrde dem klammen Goldfutures-Markt das physische Gold zur Verf√ľgung stellen, das ihn retten soll.
Tats√§chlich macht jedoch ein tieferer Goldpreis das Problem noch komplizierter. Die Fed kommt dadurch vom Regen in die Traufe und dies ist auch der Punkt, der von fast allen Beobachtern und Analysten √ľbersehen wird. Sie ignorieren die unterschwellige, ungebrochene Flucht in physisches Gold trotz oder aufgrund der Panik im Papiergoldmarkt. Die Unterst√ľtzung der Fed der Leerverk√§ufer wird sich aus dem folgenden einfachen Grund als Bumerang erweisen: Die Strategie der Fed ist selbst ein Widerspruch. Ein niedrigerer Preis f√ľr Papiergold macht es einfacher, nicht schwieriger, die Auslieferung der f√§lligen Futures-Kontrakte zu verlangen.
Je mehr Papiergold Bernanke verkauft, desto geringer sind die Kosten f√ľr den Erwerb von physischem Gold im Tausch gegen Papiergold. Der Preis des zeitlich nahesten Futures-Kontrakts wird, bezogen auf den Spotpreis, in ungeahnte Abgr√ľnde st√ľrzen, so dass sich die Backwardation verschlimmert und nicht verbessert; schlussendlich wird sie irreversibel. Willkommen in der Welt der bleibenden Backwardation von Gold‚Ķ

Wo befindet sich das deflationäre schwarze Loch?

Die Wissenschaftler und die Finanzpresse haben die Bedeutung der Backwardation von Gold auch hinsichtlich der Deflation nicht erkannt. Sie f√ľrchten eine Hyperinflation als Folge des ungez√ľgelten Gelddruckens (Euphemismus f√ľr die Monetarisierung von Staatsschulden). Doch die eigentliche Gefahr ist nicht die Inflation, sondern die Deflation ‚Äď dies realisiert sogar Krugman ‚Äď w√§hrend er vollkommen ratlos ist, woher diese Deflation kommt ‚Äď konservatives Wunschdenken hilft hier nicht.
Nun, ich kann Krugmann helfen, denn ich kenne die Position dieses schwarzen Lochs genau. Das deflationäre schwarze Loch befindet sich an der Constitution Avenue in Washington, DC, im Gebäude der Federal Reserve Board.
Wenn Bernanke glaubt, dass seine Angriffe auf den Goldpreis die Deflation eind√§mmen werden, irrt er sich gewaltig. Seine Bem√ľhungen sind, gelinde gesagt, kontraproduktiv. Sie werden die Flucht ins physische Gold beschleunigen. Es ist die bleibende Backwardation von Gold und die damit einhergehende Renaissance des Tauschhandels, welche in die ultimative Deflation m√ľnden.

Es gibt keinen Grund zu bef√ľrchten, dass die Fed die Welt in die Hyperinflation treibt, denn durch ihren Kampf gegen den Goldpreis treibt sie uns unwissentlich in die Hyperdeflation, indem sie den Dollar, das internationale W√§hrungssystem und den Zahlungsverkehr zerst√∂rt.

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