01.08.2007
Hundert Jahre Schweizerische Nationalbank (1907 ‚Äď 2007)
Autor: Johannes M√ľller

Auszug aus der Publikation Geld.

Kritische Gedanken zum Jubiläum

Schauen wir doch kurz 100 Jahre zur√ľck und versuchen, die Motivationen und Denkstrukturen zu ergr√ľnden, welche die Verantwortlichen zum Inhalt der damaligen gesetzlichen Bestimmungen gef√ľhrt haben. Durch das geschaffene Banknotenmonopol musste die ins Leben gerufene Nationalbank einerseits f√ľr die Kaufkraft des Geldes garantieren und andererseits die Liquidit√§t f√ľr das Bankensystem schaffen. Nur unmissverst√§ndliche Regeln konnten zur L√∂sung dieser Aufgabe f√ľhren. Konsequenz: Gesetzliche H√ľrden mussten aufgebaut werden, sozusagen ein moralisches Schutzschild gegen zuk√ľnftige W√ľnsche und gut gemeinte Ausnahmeregelungen, welche die SNB fr√ľher oder sp√§ter zu einer Versicherungsanstalt umfunktioniert und damit die Verluste von wirtschaftlichem Fehlverhalten grosser Akteure mittels Geldentwertung auf alle andern Wirtschaftteilnehmer abgew√§lzt h√§tten. Die Idee der Silber- und Golddeckung besticht in mehrfacher Hinsicht: Man setzte auf einer bereits existierende, √§usserst liquide Weltw√§hrung und hatte gleichzeitig eine Form von endlichem Geld, welches Naturgesetzen untersteht. Parallel dazu wurden gesetzliche H√ľrden eingebaut, die klar formulierten, welche Werte von der SNB gegen Zinszahlung belehnt werden sollten und welche nicht. In Art. 15 Abs. 4 des SNB-Gesetzes aus dem Jahre 1905 wird explizit auf ein Verbot der Belehnung von Aktien hingewiesen. Die damalige Geisteshaltung war konsequent: In einem freien Markt unterliegen auch die Aktien dem Naturgesetz von Angebot und Nachfrage; sollten bei steigenden Kursen die Eigner einen Gewinn einfahren k√∂nnen, m√ľsste bei fallenden Kursen ein Verlust daraus resultieren. Sobald die SNB Aktien als Sicherheiten akzeptiert, wird der freie Markt verzerrt und gleichzeitig verletzt, denn einzelne Wirtschaftteilnehmer werden auf Kosten anderer bevorzugt. Die Kosten der anderen beschr√§nkt sich nicht nur auf deren Geldentwertung, nein, durch das Sch√ľtzen und indirekte Subventionieren eines Kurses wird die SNB zur Partei ‚Äď √§usserst heikel f√ľr eine Institution, welche im gesamtschweizerischen Interesse handeln sollte.

Beispiel: Wenn ein Unternehmer ein F√ľnfsternhotel f√ľr 50 Millionen Franken erstellt und in der Folge finanziell scheitert, so mag dies zwar f√ľr ihn und seine Angestellten tragisch sein, aber - und dies ist ganz wichtig: sollte dieses Hotel einem wirklichen Bed√ľrfnis entsprechen, so entsteht eine neue Chance f√ľr einen andern Wirtschaftsteilnehmer, denn dieser kann aus der Konkursmasse das zu teuer errichtete Hotel vielleicht f√ľr nur 10 Millionen kaufen, neue Leute einstellen und erfolgreich weiterwirtschaften. Besteht ein zu geringes Bed√ľrfnis, so hat das Hotel keine wirtschaftliche Berechtigung mehr und wird allenfalls einem neuen Projekt weichen m√ľssen.

Das gleiche Muster muss nat√ľrlich auch f√ľr Gesch√§ftsbanken gelten: Wenn diese zu viel Kredit aus Gewinnmaximierungsgr√ľnden sprechen, so darf es nicht sein, dass bei einem finanziellen Scheitern derer Kreditkunden die SNB als letzte Sicherheit f√ľr die Gesch√§ftsbank eintreten darf. Denn auch hier m√ľsste die Allgemeinheit in Form von Geldentwertung die Folgen von Risiken Einzelner, in diesem Fall einer Bank, bezahlen. Wer sch√ľtzt dann die Sparer? Wird sich manch einer nun fragen. In letzter Konsequenz m√ľsste es auch hier heissen: Die Eigenverantwortung und in keinem Fall die Allgemeinheit. Wie heisst es doch so sch√∂n: Durch Schaden wird man klug ‚Äď Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste - Dummheit sch√ľtzt vor Strafe nicht ‚Äď oder ‚Äď Gier macht blind.

Die SNB darf also unter keinen Umst√§nden zur Partei von finanziell angeschlagenen Banken werden; durch die scheinbar harten, aber umso gerechteren Gesetzesvorlagen wird sie zur geachteten Instanz, welche Werte wie Moral und Ethik im T√§glichen Gesch√§ft hochhalten darf. Indem die SNB einer Gesch√§ftsbank, welche die erforderlichen Sicherheiten nicht mehr bieten kann, weitere Kredite verweigert, solidarisiert sie sich mit allen finanziell gesunden Wirtschaftsteilnehmern und unterst√ľtzt gleichzeitig die Firmen und B√ľrger, welche die f√ľr eine Gesellschaft √ľberlebenswichtige Eigenverantwortung wahrnehmen k√∂nnen. Damit zeigt sie sich nicht nur mitverantwortlich f√ľr die Sicherung des sozialen Friedens, sondern geniesst und verteidigt den Status eines gesellschaftlichen Vorbildes.

Verw√§sserung der Gr√ľndergedanken
In einer immer gr√∂sseren Wirtschaftswelt warten auf alle Volkswirtschaften grosse Herausforderungen, welche Chancen, jedoch auch Gefahren bedeuten k√∂nnen: Mit einem neuen Nationalbank-Gesetz wurde 1929 ein echter Goldstandard geschaffen, welcher den Franken in einer bestimmten Menge Gold definierte. So konnte die SNB die Kaufkraft des Frankens so lange erfolgreich sch√ľtzen, bis ausl√§ndische Marktteilnehmer ihre √§hnlich gelagerten Hausaufgaben aus kurzfristeigen politischen Wichtigkeiten vernachl√§ssigten oder gar abschafften. Mit der Aufhebung des Goldstandards des britischen Pfundes 1931 sowie des amerikanischen Dollars 1933, existierten in den fr√ľheren dreissiger Jahren pl√∂tzlich fast nur noch internationale Kunden, welche nicht mehr mit Goldgeld, sondern nur noch mit Papiergeld bezahlen wollten (Mark, Franzosenfranken, Rubel, Lira und andere waren bereits seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges faktisch keine Goldw√§hrungen mehr). Um die eigene W√§hrung zu sch√ľtzen, h√§tte man diese Papierw√§hrung nicht mehr akzeptieren d√ľrfen oder diese sofort wieder in Gold wechseln m√ľssen. Mit der Abwertung des Frankens gegen√ľber Gold im Jahre 1936, von einer bundesr√§tlichen Mehrheit gegen den Willen der damaligen SNB-F√ľhrung beschlossen, zeigte einmal mehr die politischen Vertreter, was ein Verstoss gegen Treu und Glauben bedeutet: Gl√§ubiger werden durch die Abwertung zugunsten der Schuldner benachteiligt ‚Äď ein fatales, gesellschaftsfeindliches Signal. Gleichzeitig wurde durch die Aufwertung von Gold um 30 % das Goldgeld aus dem Markt gedr√§ngt ‚Äď stieg doch der Metallwert eines 20 Franken Vreneli √ľber Nacht auf √ľber 26 Franken. Sofort gelangten keine Goldm√ľnzen mehr in den Umlauf, diese wurden nur noch als Wertaufbewahrungsmittel genutzt.

Ab 1954 wurde dem Besitzer von Schweizerfranken nur noch eine theoretische M√∂glichkeit des Goldeinl√∂serechts einger√§umt, obschon die Suspendierung nur f√ľr Kriegszeiten und f√ľr Zeiten gest√∂rter W√§hrungsverh√§ltnisse vorgesehen war. Immerhin stand wenigstens das zirkulierende Bargeld noch in einer Relation zum vorhandenen Goldbestand (40%). Mit dem neuen Bundesgesetz √ľber die W√§hrung und die Zahlungsmittel (WZG) vom 1. Mai 2000 fiel die theoretische Goldbindung definitiv weg und so gesellte sich die SNB als letztes Mitglied in die Reihen der Zentral- und Nationalbanken, welche gemeinsam nach planwirtschaftlichen Regeln versuchen, die Volkswirtschaften mit Kunstw√§hrungen und manipulierbaren Zinss√§tzen zu lenken.

Das Gesetz ist nun mit dem europäischen Gemeinschaftsrecht kompatibel. Mit der Aufhebung der Goldbindung des Frankes wird zudem den Statuten des Internationalen Währungsfonds (IWF) Rechnung getragen, welche Gold als Mittel zur Wechselkursbestimmung seit 1978 nicht mehr zulassen. Die Schweiz ist seit 1992 Mitglied des IWF.

Vertrauen als wichtigstes Kapital
Wie leichtfertig mit dem gr√∂ssten Kapital der SNB ‚Äď dem Vertrauen ‚Äď gespielt wird, zeigen einerseits alle Politiker, welche die folgenschweren Gesetzes√§nderungen unterst√ľtzten und damit die Unabh√§ngigkeit SNB opferten. Dabei offenbarten diese Volksvertreter, dass sie keine Achtung vor der Geldwertsicherung haben oder, weit schlimmer, die weitreichenden Folgen nicht erkennen konnten. Leider sind es aber auch die Verantwortlichen der SNB , welche sich nicht stark genug gegen politische W√ľnsche zur Wehr setzten und heute selber am Ast des Vertrauens s√§gen.

√úbersch√ľssige Goldreserven
So muss sich auch ein neutraler Beobachter ernsthaft fragen, wessen Interessen die heutige SNB vertritt. Nebst dem ungl√ľcklichen Entscheid, die einzig echten Reserven in Form von Gold teilweise zu liquidieren, muss die Art und Weise dieses Verkaufs mehr als stutzig machen und zu sinkendem Vertrauen oder zu Fehlinterpretationen f√ľhren. Eine solche k√∂nnte lauten: Entweder wurden ausl√§ndische Interessengruppen vor die Interessen des Volksverm√∂gens gestellt oder aber die Verantwortlichen f√ľr den Verkauf der Goldbest√§nde leiden an einem undefinierten Defizit, denn nur solche k√ľnden einen Goldverkauf von 1‚Äė300‚Äė000 Kilo medienwirksam an, damit sie auch wirklich sicher sein k√∂nnen, den denkbar tiefsten Erl√∂s daf√ľr zu erzielen. Heute rechtfertigt sich die SNB damit, der erzielte Durchschnittpreis (Ertrag von 21,1 Milliarden f√ľr 1800 Tonnen) von 16‚Äė230 CHF pro Kilo sei aus heutiger Sicht vielleicht etwas tief, diese Sicht k√∂nne sich bei einer Abschw√§chung des Goldpreises allerdings wieder √§ndern. Grunds√§tzlich ist diese Aussage richtig; die Zukunft wird unbestechlich dar√ľber informieren, ob diese Aussage auch glaubw√ľrdig bleiben wird.

Gold-Leihe
Unglaubliche erscheint mir auch der Umstand, dass f√ľr rund 3 Milliarden Schweizer Franken physisches Gold gegen eine j√§hrliche Leih-Geb√ľhr von etwas mehr als 15 Millionen CHF ausgeliehen wurde. Als Sicherheiten wurde der SNB Papierwerte hinterlegt, welche von den Rating-Agenturen mit einer √ľberdurchschnittlichen Bonit√§t ausgezeichnet wurden. Da wurde also f√ľr 400 CHF pro Einwohner Gold aus den H√§nden gegeben, f√ľr einen Papier-Ertrag von 2 CHF. Mit andern Worten wird ein Versicherungsschutz (in diesem Fall Gold) f√ľr l√§cherliche 0,5 % Jahreszins gegen ein Papierversprechen verkauft. Hier sind Kr√§fte am Werk, welche garantiert nicht die Interessen der Schweizer Bev√∂lkerung wahrnehmen, oder kennen Sie etwa jemanden, welcher seine Versicherung √ľberhaupt, und wenn dann gegen lediglich 0,5 % Jahreszins verkaufen und damit aufl√∂sen w√ľrde?

Der im Juni 2007 angek√ľndete Verkauf von weiteren 250 Tonnen Gold zeigt √ľbrigens in die gleiche Richtung: Seit Jahren geben die Zentralbanken Gold an die Gesch√§ftsbanken ab. Daf√ľr erhalten sie eine Forderung auf dieselbe Menge Gold, welche sp√§ter f√§llig ist, sowie einen (bescheidenen) Zins. Das Gold wird von den Gesch√§ftsbanken sofort am Markt verkauft und der Erl√∂s in h√∂herverzinsliche Anleihen investiert. Damit werden drei Fliegen auf einmal geschlagen: Einerseits werden Schuldner durch den Ankauf ihrer Schuldpapiere unterst√ľtzt, andererseits machen die Gesch√§ftsbanken einen Zinsprofit und - dies ist ganz wichtig - es werden damit Falschsignale an die Investoren gesandt: Ein tiefer Goldpreis suggeriert eine tiefe Inflation und ein grosses Vertrauen ins Papiergeldsystem. Dieser Mechanismus funktionierte jahrelang wunderbar, bis der Goldpreis zu steigen begann und damit die involvierten Gesch√§ftsbanken durch die auflaufenden Buchverluste in eine unangenehme Situation gedr√§ngt wurden: das geliehene und am Markt verkaufte Gold kann in diesen gewaltigen Mengen nie und nimmer zu heutigen Kursen wiederbeschafft werden, ohne dass markante Preissch√ľbe die Folge w√§ren.

Gold sowie Goldforderungen
Eine seri√∂se Sch√§tzung der Totalmenge an Gold, welches weltweit von den Nationalbanken verliehen wurde, kann leider nicht abgegeben werden, da diese eine einfache, aber wirkungsvolle Buchhaltungsmethode eingef√ľhrt haben: In der SNB-Bilanz findet man die Goldposition unter Gold sowie Goldforderungen. Andere Nationalbanken haben diese beiden Positionen zusammengefasst unter Gold und Goldforderungen, so dass die verliehene Menge Gold nicht bestimmt werden kann. Sowohl die SNB wie auch die andere Notenbanken f√ľhren das Gold als Forderung auf, welche das Goldpreisrisiko beinhaltet (Gewinn oder Verluste laufen nach wie vor auf ihre Rechnungen). Da die K√§ufer (z.B. andere Notenbanken) des verliehenen Goldes logischerweise ihre erworbenen Best√§nde auch in die Buchhaltung aufnehmen, entsteht eine aussergew√∂hnliche Situation, man darf sogar von einem handfesten Wunder sprechen: Steigt der Goldpreis, k√∂nnen beide Besitzer desselben Goldes den entsprechenden Aufwertungsgewinn verbuchen, als w√§re die doppelte Goldmenge vorhanden! Die Gesch√§ftsbank, welche das geliehene Gold am Markt verkauft hat, macht keinen Verlust, solange sie das Gold nicht retournieren und damit zum Marktwert zur√ľckkaufen muss. Durch die Verl√§ngerung der Goldleihe kann sie den absehbaren Verlust zeitlich aufschieben. Auf Seite 81 des SNB-Jahresberichtes 2006 wird √ľbrigens unbeirrt von einem Gesamtbestand von 1290 Tonnen Gold gesprochen, obschon √ľber 119 Tonnen verleiht sind.

Internationale Finanzmarkt-Stabilität
Tatsache ist und bleibt: wenn die involvierten Notenbanken ihr Gold in Materialform zur√ľckfordern, steigt der Goldpreis in Preisbereiche, welche die k√ľhnsten Vorstellungen der meisten Menschen √ľbertrifft. Dass damit die beteiligten Gesch√§ftsbanken, allesamt bekannte Grossbanken, Verluste in Gr√∂ssenordnungen erleiden w√ľrden, welche den Gebrauch von unliebsamen Ausr√ľcken wie Insolvenz oder Konkurs n√∂tig mache w√ľrde, w√§re eine logische Folge. Dies h√§tte selbstverst√§ndlich weltweite Auswirkungen auf das Finanzsystem mit schwindendem Vertrauen ins Papiergeldsystem - alles Szenarien, welche nicht im Interesse der Notenbanken sein k√∂nnen. Was liegt nun also n√§her, als den Fisch von der Angel zu l√∂sen, indem das geliehene Gold einfach verkauft wird, so dass es nicht noch zus√§tzlich auf dem Markt beschafft werden muss? Es muss leider auch vermutet werden, dass nach dem Debakel um den Hedge Fond Long-Term Capital Management (LTCM), welcher ebenfalls in solche Transaktionen verwickelt war, die Notenbanken von England und der Schweiz als Erste dazu gezwungen wurden, Falschsignale auszusenden und Gold zu verschleudern, nat√ľrlich immer im Interesse einer f√ľr alle Erdenb√ľrger wichtigen internationalen Finanzmarktstabilit√§t.

Das hier mit dem Verm√∂gen der Schweizer Bev√∂lkerung internationale Papiergeld-Politik betrieben wurde, ist leider zu bef√ľrchten. Schlimmer noch: Die Schweiz und mit ihr die SNB gilt weltweit als der Inbegriff von Stabilit√§t und Sicherheit, was liegt also n√§her, diesen Werbetr√§ger, im Interesse eines stabilen Finanzsystems, effizient einzusetzen? Welch sch√∂nes Signal, wenn man der ganzen Welt zeigen kann, dass sogar die klugen und reichen Schweizer endlich begriffen haben, dass Gold nur noch ein sentimentales Souvenir aus l√§ngst vergangenen Zeiten darstellt, welches sich zur Kaufkraftsicherung nun wirklich nicht eignet. Auffallend dabei ist die Tatsache, dass in den Medien meist nur von Verk√§ufern die Rede ist, die ihr zinsloses Gold loswerden wollen. Tatsache jedoch ist: F√ľr jedes verkaufte Kilo Gold ist auch ein K√§ufer gefunden worden. Fast m√ľsste man sich Sorgen um die Urteilskraft dieser unkundigen und naiven Marktteilnehmer machen: Die heutige SNB-F√ľhrung erweckt den Eindruck, dass sie einen unglaublichen Umstand nutzen darf: es existieren immer noch Marktteilnehmer, welche nicht begreifen wollen, dass das Zeitalter des Goldes l√§ngst abgelaufen ist und es keinen plausiblen Grund mehr gibt, dieses Industriemetall zu einem solch √ľberrissenen Preis zu kaufen.

Nur √ľbergeordnete Interessen hindern verantwortungsbewusste Menschen am Innehalten und einer etwelchen Neueinsch√§tzung einer Situation, denn sonst k√∂nnten folgende Tatsachen den Verantwortlichen allenfalls den Schlaf rauben: Nationalbanken von aufstrebenden Nationen wie Russland oder China stocken die Goldreserven auf, zum Teil massiv. Als untr√ľgliches Alarmzeichen w√§re im Weiteren der Umstand zu werten, dass die amerikanische Fed kein Gold verkauft und dementsprechend angeblich immer noch die weltweit gr√∂sste Goldbesitzerin ist.

Ertragsbringendere Aktiva
Auf Seite 59 des Gesch√§ftsberichtes 2006 der SNB heisst es w√∂rtlich ‚Äěmit 15 % rentierte das Gold wie schon im Vorjahr von allen Anlagen mit Abstand am besten‚Äú (im Jahr 2005 sogar mit 35 %). Wir erfahren also, dass Gold rentieren kann. Nur knapp sieben Jahre nachdem Gold als zinsloses, totes Kapital dargestellt wurde, z.B. in der Botschaft vom 26. Mai 1999 zum Bundesgesetz √ľber die W√§hrung und Zahlungsmittel (WZG), mit folgendem Wortlaut: ‚ÄěMit dem Inkrafttreten des WZG wird somit eine H√∂herbewertung sowie der Verkauf und die Umschichtung eines Teils der Goldbest√§nde der SNB in ertragbringendere Aktiva m√∂glich‚Äú. Wichtige Anmerkung: Diese Aktiva sind meist Schulden von Firmen oder Staaten, welche nur in den seltensten F√§llen zur√ľckbezahlt werden, sondern durch Neuemissionen ersetzt werden. Die f√§lligen Zinsen werden vor allem bei Staatsobligationen durch Aufnahme neuer Kredite bezahlt, also mit einer Neuverschuldung. Hinweis: In der Schweiz sind Schneeballsysteme, auch Pyramidenspiele genannt, verboten.

Wundersame Buchhaltungsgewinne
Da Gold sich bekanntlich nicht vermehren kann, liegt das Geheimnis dieser Gold-Rendite einzig und allein in der wundersamen Vermehrung von Geld, also aller weltweiten Papierw√§hrungen. Mit dem Inkrafttreten des WZG kann sich die SNB buchhalterisch reichrechnen und gleichzeitig mit Teilen davon politisch produzierte Finanzl√∂cher stopfen. Im Jahre 2006 erzielte die SNB einen Gewinn von etwas √ľber 5 Milliarden Franken, davon entfielen rund 4,2 Milliarden auf eine H√∂herbewertung des Goldes, denn die Goldbest√§nde d√ľrfen nun zu Tageskursen bewertet werden und liegen nicht mehr wie fr√ľher als letzter Sicherheitsanker in den Tresoren, bewertet mit knapp 4‚Äė600 CHF pro Kilo. Ohne eine volkswirtschaftliche Leistung wurden buchhaltungstechnisch Mittel in H√∂he von 4‚Äė200 Millionen Franken geschaffen, wovon 2,5 Milliarden Franken an Bund und Kantone ausgezahlt werden! Da erblasst jeder gestresste Handwerker, welcher M√ľhe hat, seinen dringend ben√∂tigten Stundenansatz verrechnen zu k√∂nnen und manch einer wird sich beim Studium dieser Zeilen fragen, ob er nicht doch besser in die Buchhaltungsbranche wechseln sollte.

Aktien als Sicherheiten
Gem√§ss Gesetz entscheidet im Falle eines Liquidit√§tsengpasses der Gesch√§ftsbanken die SNB, was f√ľr Sicherheiten zu akzeptieren sind. Dies kann heissen, dass im deklarierten Notfall auch Pfandbriefe oder Aktien belehnt werden k√∂nnen. Aus der Sicht der Banken und der Pensionskassen mag dies wunderbar erscheinen, aus Sicht eines freien Marktes ist dies jedoch eine Katastrophe. Stellen Sie sich vor, Sie betreiben eine Fischzucht und ihr Markt bricht pl√∂tzlich ein. Sie begeben sich zur SNB, m√∂chten etwas Liquidit√§t f√ľr ihr Gesch√§ft, welches zurzeit einfach nicht funktioniert. Die SNB belehnt Ihnen die Fische mit sagen wir 30 % des Verkaufspreises. Ihr Nachbar, ein Schreinermeister, sp√ľrt die Verunsicherung des Konsumenten ebenso und erh√§lt auf Wunsch eine Liquidit√§tshilfe, gedeckt durch massives Eichenholz. Am Schluss w√ľrden gar die Berufsnumismatiker mit ihren Rarit√§ten um Liquidit√§t bitten‚Ķ. Ein Szenario, welches selbstverst√§ndlich nie eintreffen wird, denn es gilt in einer Notsituation Priorit√§ten zu setzten, und diese k√∂nnen schon heute erahnt werden: Banken und Grossbetriebe mit m√∂glichst vielen Arbeitnehmern werden zu sch√ľtzenswerten Elementen erkl√§rt, welche im gesamtschweizerischen Interesse von der Solidarit√§t (in Form von Geldentwertung) aller Geldhalter am finanziellen Leben gehalten werden m√ľssen.

Aktien als Devisenreserven
Im Jahr 2006 wurden aus Diversifikationsgr√ľnden 11 % der Devisenreserven in Aktien angelegt, auch hinter diesen Umstand darf ein grosses Fragezeichen gesetzt werden, ist doch das Hauptrisiko der Aktienanlagen in der Preisgabe der politischen Unabh√§ngigkeit zu orten. Man stelle sich nur folgende Situation vor: die Firmengewinne und damit die B√∂rsenaussichten werden fundamental neu eingesch√§tzt, und die SNB steht vor der Entscheidung, Aktien zu verkaufen und damit die bereits leidenden Pensionskassen in eine noch tiefere Unterdeckung zu treiben. Oder: die SNB erwirbt Aktien, welche bekanntlich die Basis f√ľr Optionen darstellen: so werden mit Volksverm√∂gen ganz direkt die vielfach kritisierten Geh√§lter der Spitzenmanager mitfinanziert. Oder: Mit dem Kauf von Aktien werden Firmen gef√∂rdert, welche nicht die Interessen einer gesamtschweizerischen Bev√∂lkerung wahrnehmen. Kurz: mit einem Aktien-Engagement m√∂gen zwar kurzfristig buchhaltungstechnische Mittel erarbeitet werden, langfristig kreieren diese jedoch nur neue Problemstellungen.

Echte Unabh√§ngigkeit zeichnet sich auch dadurch aus, dass ein bewusster Verzicht ge√ľbt werden kann.

Dollar-Risiko
Nicht wirklich vertrauensbildend ist ebenfalls die Tatsache, dass ein neutrales Land wie die Schweiz Anleihen und die W√§hrung einer Kriegspartei h√§lt. Von den ausgewiesenen Devisenanlagen per Ende 2006 sind rund ein Drittel in US Dollars angelegt, also 15 Mia. Franken. Sollte der Dollar schw√§cher werden, finanziert die Schweiz mit ihrem Volksverm√∂gen die Kriege mit. Um Interessenskonflikten aus dem Wege zu gehen und unsere Neutralit√§t allen Staaten gegen√ľber zu unterstreichen, m√ľssten diese Reserven umgeschichtet werden. Von Reserven zu sprechen ist √ľbrigens mehr als mutig: In Wirklichkeit sind es Schuldpapiere, also Guthaben von Geld, welches schon einmal ausgegeben wurde. Der nominell verg√ľtete Zins auf solchen Anlagen wirkt wahre Wunder: Sogar hochintelligente, auf den besten Schulen ausgebildete Manager lassen ihren Hausverstand liegen und folgen dem Ruf der nominellen Wertsteigerung von Papierwerten.

Die grosse Bewährungsprobe der SNB steht noch bevor
Aus Sicht der Gr√ľnderv√§ter der SNB kann die heutige Ausgangslage als - vorsichtig ausgedr√ľckt - unsch√∂n bezeichnet werden; in einer planwirtschaftlich organisierten Gesellschaft mag ein in sich geschlossenes Papiergeldsystem eine gewisse Zeit lang funktionieren, in einer freien Wirtschaftswelt entpuppt sich dieses Unterfangen jedoch als ein Ding der Unm√∂glichkeit: Sobald eine bedeutende Wirtschaftsnation oder ganze Wirtschaftsregionen zu grosse Schulden anh√§ufen oder in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, wird der politische Druck auf die Notenbanken gewaltig zunehmen: diese haben nur folgende Alternativen: die Kreditblase platzen zu lassen mit dem grossen Risiko, dass Domino-Effekte auch finanziell gesunde Unternehmen in den Abgrund reissen, oder aber das Spiel bis zum bitteren Ende durchzuspielen, d.h. eine Geldpolitik der weiterhin k√ľnstlich tief gehaltenen Zinsen zu fahren und damit die kreditgetriebene Konsumlust und Exporte zu f√∂rdern. Jede vermeintlich unabh√§ngige Nation mit eigener W√§hrung, welche eine geordnete und damit den Geldwert sichernde Geldpolitik verfolgen m√∂chte, wird gegen diesen Automatismus der Geldverschlechterung keine Chance haben, auch die Schweiz nicht.

Was die Zukunft bringen wird und vor allem in welcher Reihenfolge die unvermeidlichen √Ąnderungen anstehen, kann niemand wissen. So ist kurzfristig weder eine Deflation mit schrumpfenden Verm√∂genswerten noch eine Inflation ausgeschlossen. Mittel- bis langfristig stehen die Zeichen jedoch eindeutig auf Geldentwertung, also Inflation. Und so ist heute schon zu bef√ľrchten, dass einmal mehr in der Geschichte der Respekt vor der Unantastbarkeit des Geldes nicht ernst genug genommen oder gar ignoriert wurde.

Die zuk√ľnftige Kaufkraft des ungedeckten Frankens wird unbestechlich dar√ľber Auskunft geben. Dabei wird klar erkennbar, ob die Verantwortlichen der SNB das geschenkte Vertrauen verdienten oder ob sie, mit andern Nationalbanken zusammen, als Mitgestalter eines Mahnmals f√ľr folgende Generationen in die Geschichte eingehen werden.

Die Geschichte lehrt, dass jeder Versuch, mit ungedecktem Geld Wohlstand und Frieden zu schaffen, kl√§glich scheitert. Da werden auch zuk√ľnftige Zwangsmassnahmen zur St√ľtzung des unseligen Papiergeldsystems nur letzte Zuckungen eines Papiertigers sein, welcher in der Vergangenheit immer am gleichen Gegner gescheitert ist: Dem unbesiegbaren Verfechter von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit: Gold.

Mein Respekt sowie meine Hochachtung gilt in jedem Fall und uneingeschr√§nkt den Gr√ľndern der Schweizerischen Nationalbank.

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